Definitionsmacht – interessiert das eigentlich noch irgendwen?

Schwierigkeiten einer umkämpften Praxis und alternative Umgänge mit sexualisierter Gewalt

Die AS.ISM hat im Februar ein Interview mit uns geführt, in dem unsere Antworten um Einiges kürzer ausfallen. Dieses Interview ist hier erschienen: EAG Berlin
Jetzt haben wir es aber nochmal ausführlicher gemacht, weil’s geht 😉

Gruppenvorstellung:

e*space ist eine seit 2012 bestehende Interessiertengruppe innerhalb von e*vibes – für eine emanzipatorische praxis, die sich mit sexismuskritischer Sensibilisierung, Awareness- und Unterstützungsarbeit, sowie der Frage, ob Räume eine emanzipatorische Wirkung haben können, auseinandersetzt.
Innerhalb dieser Auseinandersetzung geht es uns darum, konkrete Konzepte zum Umgang mit (sexistischer) Diskriminierung, Unterdrückung und Gewalt zu erarbeiten und als Multiplikator_innen mittels Workshops weiterzugeben.

Die Gruppe ist im Zuge der Organisation der “2,7 emanzipatorischen Tage” im April 2012 entstanden und erarbeitete hier bereits ein von uns damals so genanntes “Schutzkonzept”. Eine Auswertung des Konzeptes fand u.a. innerhalb des Themenabends “sexismuskritische Praxis im Diskurs” statt. Auch hat e*space, gemeinsam mit anderen Interessierten den Text “Umgang Miteinander” für das “e*camp – gegen Kapitalismus und sein Geschlechterverhältnis” erarbeitet und die Unterstützungsstruktur auf dem Camp mitgestaltet. Mit dieser haben wir uns inhaltlich im Nachgang beschäftigt. Ein Teil der Ergebnisse wurde 2017 aufgrund des Textes “Inquisition auf dem e*camp 2013” in dem Sammelband “Beißreflexe” veröffentlicht. 2014 haben wir zudem den Text “Wir arbeiten nicht mit Definitionsmacht” veröffentlicht.

Die Gruppe besteht aus Mitgliedern von e*vibes und externen Personen und unsere Arbeit findet unabhängig von e*vibes statt. Es ist eine offene Gruppe und ihr könnt gerne dazukommen, wenn euch die Themen interessieren.
An dem folgenden Interview haben auch Personen teilgenommen, die den “Wir arbeiten nicht mit Definitionsmacht”-Text mit verfasst haben und mittlerweile nicht mehr Teil der Gruppe sind, sowie auch eine Person die erst danach zur Gruppe gekommen ist.

1. Wie war euer erster Zugang zum Thema Definitionsmacht?

Sue: Puh, das war vor Ewigkeiten, ca. 2006 auf einem anarchistischen Sommercamp. Dort gab es eine “Awarenessgruppe”, die das Thema auch auf dem Plenum eingebracht hat. Obwohl meine Erinnerung nur sehr vage ist, meine ich mich zu erinnern, dass das Thema bei mir und den Menschen um mich herum eher Ablehnung hervorgerufen hat. Es wurde nahezu ein Spiel daraus sich am Arm gegenseitig anzufassen und “Definitionsmacht” zu rufen. Das ist natürlich ziemlich blöd gewesen, aber ich frage mich, warum unsere Reaktion diese war, denn an sich waren wir schon auch damals interessiert an Themen, wie dem Umgang mit sexualisierter Gewalt.
Ein weiterer bleibender erster Eindruck war ein weiteres Camp in Österreich, ca. ein Jahr später. Hier gab es eine Gruppe aus Wien, die sehr präsent auf dem Camp bzw. in der Camporga war. Ihnen war es wichtig Definitionsmacht nur für Frauen zu ermöglichen und sie sahen dies auch als Grundregel für das Camp an. Im Zuge von Debatten und Vorfällen wirkten die Personen ziemlich desinteressiert daran, dass Menschen sich in Lernprozessen befinden, oder unterschiedliche Wissensstände haben. Nicht nur wurde eine Person ohne Diskussion des Camps verwiesen, sondern auch Menschen runtergemacht, die über das Thema kritisch auf dem Plenum diskutieren wollten.
Insbesondere die letzte Erinnerung spielt bis heute eine Rolle, denn für mich wurde dadurch klar, dass ich es wichtig finde Personen zu unterstützen, die z.B. von sexualisierter Gewalt betroffen sind, aber nicht vergessen möchte, dass auch gewaltausübende Personen Menschen sind und diese auch ein Recht auf Lernen und erklärt bekommen haben.

Emily: Bei mir war es etwas später. Ich hatte durch die Flyer und Unterstützungsgruppen-Infos in Heiligendamm 2007 das erste Mal von dem Begriff gehört. Ich hatte dann real mit den aus dem Begriff resultierenden Praxen zu tun, als es in einem Laden in der Stadt, in der ich damals lebte, einen Konflikt gab, der über eine Unterstützer:innengruppe gelöst werden sollte. Das muss 2008 gewesen sein. Ich war nicht Teil dieser Gruppe oder des Konflikts. Ich war auch noch nicht sehr bewandert mit feministischen Themen und empfand die Idee erst einmal gut, der strukturellen Marginalisierung von FLINT Personen etwas entgegensetzen zu können, indem die Definition einer Person angenommen und die daraus abgeleiteten Forderungen – in dem Fall einen Ausschluss aus den Räumen – durch eine Gruppe von Gleichgesinnten erstritten wird. Das ganze Themenspektrum überblickte ich damals noch nicht. Heute kritisiere ich meine damaligen Ansichten teilweise und habe retrospektiv das Gefühl, dass ich meine unhinterfragte Akzeptanz jeglicher Sanktionsforderungen durch einen nicht unerheblichen Anteil von Wut auf die Gesamtscheiße legitimiert habe, die ich damals noch nicht anders kanalisieren konnte.

Josh: Mir ist gerade aufgefallen, dass ich tatsächlich einen “Fall von Definitionsmacht” live mitbekommen habe, als ich noch recht klein war und noch nicht verstanden habe, was da los war. Damals hat mein Bruder aus Münster einen Freund mit zu meinen Eltern gebracht und er war ein paar Tage bei uns. Er hatte damals wohl einen Übergriff begangen, wobei ich nicht mehr genau weiß, worum es ging. Jedenfalls sollte er auch aus allen linken Szene-Kontexten ausgeschlossen werden und ist dann mit meinem Bruder zu uns geflohen, um sich mit ihm gemeinsam zu sortieren und aufzuarbeiten, was passiert war. Mein Bruder hatte dann aber auf jeden Fall auch den Täterschützervorwurf. Und so weit ich mich erinnere, ist der Mensch dann damals auch aus Münster weggezogen. Es sollten dann in seiner neuen Stadt auch alle Kontexte vor ihm gewarnt werden. Das muss so 2003 oder 2004 gewesen sein. Das habe ich aber alles erst so richtig verstanden, als ich dann Jahre später selbst angefangen habe, mich mit DefMa auseinanderzusetzen. Continue reading

In Zeiten von Corona gemeinsam solidarisch sein!

Bini Adamczak: “Die Pandemie lehrt uns, wie verletzlich wir sind und wie abhängig voneinander. Und sie lehrt uns, dass wir nur gemeinschaftlich handeln können und solidarisch – sagt sinngemäß Merkel. Als habe sie nicht nur sozialistische Sozialisation erfahren, sondern auch feministische Philosophie studiert. Wie schade, dass die Erklärung auf den selben Tag fällt, an dem Deutschland die humanitäre Aufnahme von Flüchtenden aussetzt und weitere Abschiebungen erzwingt. Aber eine Ethik der Verletzlichkeit, die einige der Verletzlichsten ausschließt, lügt. Eine Solidarität, die in die Grenzen und den Dienst der Nation gezwungen werden soll, ist keine.

Auch wir finden, dass wir besonders in dieser Zeit solidarisch sein sollten.

Wir haben Plakate, Aufkleber und Flyer gedruckt, die genau darauf aufmerksam machen. Wir werden sie morgen in #Dresden verteilen. Schließt euch gern an oder druckt die Materialien selbst aus, um sie dann in eurem Umfeld zu verteilen!

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Treffen zu Sexualisierter Gewalt muss Ausfallen

Aufgrund der zunehmenden Verbreitung des Coronavirus fallen unsere beiden Folgetreffen zu Umgang mit (sexualisierter) Gewalt aus. Wir werden die Personen die bereits bei den letzten Treffen dabei waren per Mail vernetzen.

Falls du auch noch dazukommen möchtest findet sich sicherlich eine Möglichkeit. Sobald es die Lage wieder zulässt werden wir die Treffen nachholen, vielleicht ergibt sich auch zeitnahe eine Onlineoption.

Bleibt stark und helft einander!

Antifeministische Beschädigungen auf Plakaten zum 8. März

In ganz Dresden wurde anlässlich des internationalen Frauenkampftages eine Plakatierungsaktion durchgeführt. Mit 1500 Plakaten wurde über das gesamte Stadtgebiet verteilt auf Erfolge feministischer Kämpfe hingewiesen. Auch Ziele für zukünftiges Engagement wurden dabei bekannt gemacht.
Dabei wurde offenbar ein Nerv getroffen. Neben vielen positiven Reaktionen mussten wir feststellen, dass unter anderem in Pieschen viele der Plakate durch Sprühfarbe verunstaltet oder zum Teil abgerissen wurden.
Dazu stellen wir fest: Wir lassen uns von der Beschädigung von feminisistischen Plakaten nicht einschüchtern. Wir werden diese antifeministischen Vorgänge auch nicht ignorieren. Sie dienen uns erst recht als Ansporn, weiter für unsere emanzipatorischen Ziele zu kämpfen. 
Und an alle, die denken, sie könnten das mit abgerissenen Plakaten verhindern: arbeitet an euren Vorurteilen und Feindbildern, denn feministische Kämpfe werden nicht verschwinden!
Wir stehen weiterhin für einen lauten, selbstbewussten und öffentlich präsenten Feminismus ein. 
Nicht nur am 8. März, sondern das ganze Jahr. Nicht nur in Dresden, sondern auf der ganzen Welt.

Offenes Treffen zu sexualisierter Gewalt am 02.04. und 15.04.

Wir wollen euch zu weiteren Terminen einladen um über den Umgang mit (sexualisierter) Gewalt, den Vorkommnissen auf Monis Rache und der Fusion zu sprechen und zwar am 02.04.2020 um 19:00 Uhr im AZ Conni (https://www.facebook.com/events/230558711412567/) und am 15.04. (www.facebook.com/events/521794605144004/) (Uhrzeit und Ort werden noch bekannt gegeben). Continue reading

Offenes Treffen zum Umgang mit sex. Gewalt / Monis Rache

Hallo ihr, wir sind e*space, eine Gruppe die in unterschiedlichen Besetzungen seit 2012 vorrangig theoretisch zum Thema “emanzipatorische und kollektive Umgänge mit sexualisierter Gewalt” arbeitet.

Von den Ereignissen um Monis Rache sind wir größtenteils nicht selbst betroffen, vor allem aber tauchen dabei Themen und Fragen auf, mit denen auch wir uns auch immer wieder konfrontiert sehen.

Wir wollen daher versuchen gemeinsam einen Raum zu schaffen, in dem wir uns mit Möglichkeiten, Hindernissen und Grenzen von kollektiven Umgängen mit sexualisierter Gewalt befassen können, der gleichzeitig Platz hat für Betroffenheiten und versucht auf einer kollektiven Ebene Handlungsoptionen zu entwickeln. Continue reading

e*space in der neuen Ausgabe von AS.ISM5

In der aktuellen inzwischen 5. Ausgabe der AS.ISM befindet sich ein Interview mit unserer Interessiertengruppe e*space!

Der Artikel entstand zusammen mit der Berliner Gruppe „Emanzipative & Antifaschistische Gruppe [EAG]“. Definitionsmacht und der Umgang mit sexualisierter Gewalt, auch in der linken Szene, werden kritisch von verschiedenen Seiten beleuchtet.

Wichtig war uns auch, Definitionsmacht nicht völlig zu diskreditieren, da sie in dem Kontext, wo sie herkommt – also Strafrechtskritik, Frauenhäuser etc. – auch relevant und wichtig war und ist.

Feministisch/Streiten/Im Pyjama lesen

Könnt ihr euch noch an den Text erinnern, der in euch Feuer und Flammen entfacht hat, oder das Buch das euch von der älteren Schwester empfohlen wurde und das ihr selbst nun immer wieder weiterempfehlt? Nervt es euch, dass bestimmte Autorinnen nie Beachtung finden oder wollt ihr an vergessene Koryphäen erinnern?

In der Nacht vom 07. März zum internationalen Frauenkampftag (08.März!) wollen wir in gemütlicher Atmosphäre Texte von, mit und über Feministinnen lesen, besprechen und vielleicht sogar bestreiten. Wir wollen rumhängen und palavern, debattieren und uns – mal anders – kennenlernen. Überraschungsfilm am Ende inklusive.

What to wear: Pyjama/Fmnsmhosen/ bequeme Sachen.
What to bring: (Un-)Wissen zum Teilen, den Lieblingstext auf Stick (und einmal ausgedruckt), Decke und/oder Kissen, Dinge zum Wohlfühlen, Snacks zum Teilen.
What not to bring: Theoriedroppinglust, Räucherkerzen.

Beginn: 20 Uhr
Ende: Internationaler Frauenkampftag
Ort: Kosmotique

Offenes Treffen zum Umgang mit sex. Gewalt / Monis Rache

Hallo ihr, wir sind e*space, eine Gruppe die in unterschiedlichen Besetzungen seit 2012 vorrangig theoretisch zum Thema “emanzipatorische und kollektive Umgänge mit sexualisierter Gewalt” arbeitet.

Von den Ereignissen um Monis Rache sind wir größtenteils nicht selbst betroffen, vor allem aber tauchen dabei Themen und Fragen auf, mit denen auch wir uns auch immer wieder konfrontiert sehen.

Wir wollen daher versuchen gemeinsam einen Raum zu schaffen, in dem wir uns mit Möglichkeiten, Hindernissen und Grenzen von kollektiven Umgängen mit sexualisierter Gewalt befassen können, der gleichzeitig Platz hat für Betroffenheiten und versucht auf einer kollektiven Ebene Handlungsoptionen zu entwickeln.

Wir wollen uns austauschen und vielleicht gemeinsame Worte finden zu Fragen wie:

Welche Perspektiven können wir anbieten wenn wir mit (sexualisierter) Gewalt kollektiv umgehen wollen, also auch abseits von Staat, Polizei und Strafjustiz? Inwiefern kann eine Einbettung in strukturelle Kontexte im (kollektiven) Umgang mit sexualisierter Gewalt hilfreich sein? Was sind vielleicht auch Grenzen des transformative justice Konzepts – insbesondere in Bezug auf den Fall Monis Rache und die vermeintliche Anwendung?

Dazu möchten wir euch gerne einladen. Bei Interesse können wir auch darüber sprechen, wie wir uns zusammenschließen und langfristig eine Struktur in diesem Feld schaffen können.

05.März 19 – 22 Uhr AZ Conni. Das Treffen ist offen für alle Interessierten.