Definitionsmacht – interessiert das eigentlich noch irgendwen?

Schwierigkeiten einer umkämpften Praxis und alternative Umgänge mit sexualisierter Gewalt

Die AS.ISM hat im Februar ein Interview mit uns geführt, in dem unsere Antworten um Einiges kürzer ausfallen. Dieses Interview ist hier erschienen: EAG Berlin
Jetzt haben wir es aber nochmal ausführlicher gemacht, weil’s geht 😉

Vorstellung:

e*space ist eine seit 2012 bestehende Interessiertengruppe innerhalb von e*vibes – für eine emanzipatorische praxis, die sich mit sexismuskritischer Sensibilisierung, Awareness- und Unterstützungsarbeit, sowie der Frage, ob Räume eine emanzipatorische Wirkung haben können, auseinandersetzt.
Innerhalb dieser Auseinandersetzung geht es uns darum, konkrete Konzepte zum Umgang mit (sexistischer) Diskriminierung, Unterdrückung und Gewalt zu erarbeiten und als Multiplikator_innen mittels Workshops weiterzugeben.

Die Gruppe ist im Zuge der Organisation der “2,7 emanzipatorischen Tage” im April 2012 entstanden und erarbeitete hier bereits ein von uns damals so genanntes “Schutzkonzept”. Eine Auswertung des Konzeptes fand u.a. innerhalb des Themenabends “sexismuskritische Praxis im Diskurs” statt. Auch hat e*space, gemeinsam mit anderen Interessierten den Text “Umgang Miteinander” für das “e*camp – gegen Kapitalismus und sein Geschlechterverhältnis” erarbeitet und die Unterstützungsstruktur auf dem Camp mitgestaltet. Mit dieser haben wir uns inhaltlich im Nachgang beschäftigt. Ein Teil der Ergebnisse wurde 2017 aufgrund des Textes “Inquisition auf dem e*camp 2013” in dem Sammelband “Beißreflexe” veröffentlicht. 2014 haben wir zudem den Text “Wir arbeiten nicht mit Definitionsmacht” veröffentlicht.

Die Gruppe besteht aus Mitgliedern von e*vibes und externen Personen und unsere Arbeit findet unabhängig von e*vibes statt. Es ist eine offene Gruppe und ihr könnt gerne dazukommen, wenn euch die Themen interessieren.
An dem folgenden Interview haben auch Personen teilgenommen, die den “Wir arbeiten nicht mit Definitionsmacht”-Text mit verfasst haben und mittlerweile nicht mehr Teil der Gruppe sind, sowie auch eine Person die erst danach zur Gruppe gekommen ist.

1. Wie war euer erster Zugang zum Thema Definitionsmacht?

Sue: Puh, das war vor Ewigkeiten, ca. 2006 auf einem anarchistischen Sommercamp. Dort gab es eine “Awarenessgruppe”, die das Thema auch auf dem Plenum eingebracht hat. Obwohl meine Erinnerung nur sehr vage ist, meine ich mich zu erinnern, dass das Thema bei mir und den Menschen um mich herum eher Ablehnung hervorgerufen hat. Es wurde nahezu ein Spiel daraus sich am Arm gegenseitig anzufassen und “Definitionsmacht” zu rufen. Das ist natürlich ziemlich blöd gewesen, aber ich frage mich, warum unsere Reaktion diese war, denn an sich waren wir schon auch damals interessiert an Themen, wie dem Umgang mit sexualisierter Gewalt.
Ein weiterer bleibender erster Eindruck war ein weiteres Camp in Österreich, ca. ein Jahr später. Hier gab es eine Gruppe aus Wien, die sehr präsent auf dem Camp bzw. in der Camporga war. Ihnen war es wichtig Definitionsmacht nur für Frauen zu ermöglichen und sie sahen dies auch als Grundregel für das Camp an. Im Zuge von Debatten und Vorfällen wirkten die Personen ziemlich desinteressiert daran, dass Menschen sich in Lernprozessen befinden, oder unterschiedliche Wissensstände haben. Nicht nur wurde eine Person ohne Diskussion des Camps verwiesen, sondern auch Menschen runtergemacht, die über das Thema kritisch auf dem Plenum diskutieren wollten.
Insbesondere die letzte Erinnerung spielt bis heute eine Rolle, denn für mich wurde dadurch klar, dass ich es wichtig finde Personen zu unterstützen, die z.B. von sexualisierter Gewalt betroffen sind, aber nicht vergessen möchte, dass auch gewaltausübende Personen Menschen sind und diese auch ein Recht auf Lernen und erklärt bekommen haben.

Emily: Bei mir war es etwas später. Ich hatte durch die Flyer und Unterstützungsgruppen-Infos in Heiligendamm 2007 das erste Mal von dem Begriff gehört. Ich hatte dann real mit den aus dem Begriff resultierenden Praxen zu tun, als es in einem Laden in der Stadt, in der ich damals lebte, einen Konflikt gab, der über eine Unterstützer:innengruppe gelöst werden sollte. Das muss 2008 gewesen sein. Ich war nicht Teil dieser Gruppe oder des Konflikts. Ich war auch noch nicht sehr bewandert mit feministischen Themen und empfand die Idee erst einmal gut, der strukturellen Marginalisierung von FLINT Personen etwas entgegensetzen zu können, indem die Definition einer Person angenommen und die daraus abgeleiteten Forderungen – in dem Fall einen Ausschluss aus den Räumen – durch eine Gruppe von Gleichgesinnten erstritten wird. Das ganze Themenspektrum überblickte ich damals noch nicht. Heute kritisiere ich meine damaligen Ansichten teilweise und habe retrospektiv das Gefühl, dass ich meine unhinterfragte Akzeptanz jeglicher Sanktionsforderungen durch einen nicht unerheblichen Anteil von Wut auf die Gesamtscheiße legitimiert habe, die ich damals noch nicht anders kanalisieren konnte.

Josh: Mir ist gerade aufgefallen, dass ich tatsächlich einen “Fall von Definitionsmacht” live mitbekommen habe, als ich noch recht klein war und noch nicht verstanden habe, was da los war. Damals hat mein Bruder aus Münster einen Freund mit zu meinen Eltern gebracht und er war ein paar Tage bei uns. Er hatte damals wohl einen Übergriff begangen, wobei ich nicht mehr genau weiß, worum es ging. Jedenfalls sollte er auch aus allen linken Szene-Kontexten ausgeschlossen werden und ist dann mit meinem Bruder zu uns geflohen, um sich mit ihm gemeinsam zu sortieren und aufzuarbeiten, was passiert war. Mein Bruder hatte dann aber auf jeden Fall auch den Täterschützervorwurf. Und so weit ich mich erinnere, ist der Mensch dann damals auch aus Münster weggezogen. Es sollten dann in seiner neuen Stadt auch alle Kontexte vor ihm gewarnt werden. Das muss so 2003 oder 2004 gewesen sein. Das habe ich aber alles erst so richtig verstanden, als ich dann Jahre später selbst angefangen habe, mich mit DefMa auseinanderzusetzen.

Das war dann auch beim G8 in Heiligendamm 2007, im Kontext von Unterstützungsstrukturen und später habe ich mich ausführlicher mit den bundesweiten Definitionsmachtdebatten um die Jahrtausendwende auseinandergesetzt. Als wir im Rahmen von e*vibes anfingen, Unterstützungsarbeit auf Veranstaltungen zu machen, war für uns bereits klar, dass wir nicht mit diesem dermaßen aufgeladenen Begriff öffentlich hantieren wollten. In unserem ersten “Schutzkonzept” von 2012 schrieben wir beispielsweise: “Die Deutungshoheit liegt bei den von Grenzüberschreitungen betroffenen Personen. Als Grundsatz gilt die Parteilichkeit mit diesen.” Damit grenzten wir uns zunächst einmal ab von den heftigen Auseinandersetzungen, die seit 2000 um diesen Begriff getobt hatten.

Ronda: Ich habe ungefähr 2009/10 angefangen, laaaangsam Feminismus kennenzulernen, und auch überhaupt zu merken, dass mein Frausein und zur Frau Gemachtwordensein Auswirkungen auf mich hat. Ich war dann auf dem Camp “wer lebt mit wem, warum und wie” und dort gefiel mir, dass es dort viel um zwischenmenschliche Beziehungen, verschiedene Formen von Familie und Zusammenleben, und auch um Sexualität ging, und das alles irgendwie zwischen persönlichem Wohlbefinden und politischen Kämpfen. Fragen rund um einvernehmlichen Sex und Sprechen über Sex haben mich sehr beeindruckt. Gleichzeitig fand ich sehr sympathisch, dass es Leute gab, denen auch am Herzen lag, wie auf dem Camp selbst miteinander umgegangen wird. Es gab dann eine Awareness- und Unterstützungsgruppe, und die Leute, natürlich aus Berlin^^, schienen auch Expert_innen für “sowas” zu sein. Da wurde selbstverständlich von Definitionsmacht gesprochen – ich weiß nicht mehr, ob eine exklusiv weibliche gemeint war – und es hingen diese Wiener “Nein heißt Nein”-Plakate 1 aus.
Diese Awareness-Gruppe äußerte sich mehrfach kritisch im Camp-Plenum. Sie setzten auch jemandem Grenzen, der ihre Praktiken recht polemisch kritisierte. Soweit ich mich dunkel erinnere, fand er bestimmte Aussagen pauschalisierend und autoritär und meinte (seine) Freiheiten eingeschränkt. Da ich den Kritiker damals sehr redegewaltig und körperlich einschüchternd fand, sympathisierte ich eher mit der Awarenessgruppe und ihrer Reaktion à la “is ja klar, wieder mal ein Mann, der in seiner Machtausübung nicht eingeschränkt werden will”. Mittlerweile verstehe ich die Provokation besser. Für mich war das alles etwas mysteriös, aber auch etwas, von dem ich lernen wollte, weshalb ich mich in der Folge verstärkt mit dem Umgang mit sexualisierter Gewalt, d.h. mit diesem bestimmten “Expert:innenwissen” auseinandersetzte, einige Workshops dazu besuchte und organisierte.

Ein Jahr später begab ich mich auf dem gleichen Camp dann selbst in diese, für alle offene, “Unterstützungsstruktur”. In der Zwischenzeit waren aber für mich schon die ersten Probleme aufgetreten. Ich hatte einen Text von Les Madeleines dabei, der Kritik an Definitionsmacht äußerte und den ich eigentlich ziemlich schlüssig fand. Ich wollte darüber diskutieren – was auch möglich war – aber das veränderte vor Ort erstmal nichts an den eingeübten Praxen und Haltungen. Ich weiß nicht, wie sich inzwischen meine Erinnerung verschoben hat, aber ich denke es wäre nicht möglich gewesen, die Gruppe von außen zu kritisieren, ohne dass das als Antifeminismus gewertet worden wäre. Eine öffentliche und offene Diskussion dazu, wie auf dem Camp mit Sexismus oder sexualisierter Gewalt umgegangen werden soll: undenkbar. Und auch nicht nötig, denn die Expert:innen dafür waren ja schon am Start. Das kam wahrscheinlich rüber wie eine Art Geheimbund von sehr, sehr Betroffenen, dem man auch besser nicht zu nah kommt. Es schien: Wir sind diejenigen, die wissen, wie man am besten mit sexualisierter Gewalt umgeht, und wir stellen Gerechtigkeit her, indem wir ein offenes Ohr für die Betroffenen haben, versuchen rauszufinden, was sie wollen, um das dann umzusetzen. Alles war sehr einfühlsam, aber wenn es um cis Männer ging, konnte das schnell in harte Ablehnung umschlagen (und ein cis Mann als Betroffener gibt sich vielleicht nur als solcher aus)?. Eigentlich war überhaupt nicht klar: Zählt nun die Erzählung und die Wünsche der Betroffenen oder die eigene Patriarchatsanalyse – oder wie verhält sich beides zueinander?

Also ich könnte viel über theoretische Unschlüssigkeiten labern, die ich hatte, aber das mach ich hier nicht, denn im Endeffekt war es ein Gefühl, das mich abstieß: nämlich eines von Schwüle und Enge, das entstand, wenn so “Awareness”-Leute auf eine bestimmte Art sprachen. Eine Art unglaublich vorsichtigen Sprechens, als könnten sie ihrer Gesprächspartnerin oder sich selbst gleich furchtbar wehtun. Dazu ein gesenkter, trauriger oder besorgter Blick, der die Schwere und Emotionalität, vielleicht auch die Intimität, der Situation verdeutlicht. Aaaaaahhhh. Das machte mich zunehmend aggressiv, aber ich konnte mein Problem noch nicht in Worte fassen geschweige denn theoretisieren. Es war zum Glück eine Freundin dabei, mit der ich diese Erfahrung teilte und mich durch Lästern abgrenzen konnte. Das hatte jetzt nur über Eck mit Definitionsmacht zu tun, aber für mich war diese bedrückende Stimmung zentraler Erkenntnismoment bezüglich einer “Awareness und Unterstützung”-Szene, hin zu einer Art Rebellion unter dem Motto: Nö. So nich.

Alex: So ganz genau wie ihr kann ich das irgendwie gar nicht benennen. Es gibt nicht das eine Ereignis, bei dem ich konkret mit Definitionsmacht konfrontiert wurde. Vermutlich hätte ich sie mir früher mal gewünscht, um nicht permanent meine Wahrnehmungen von Grenzüberschreitungen anzuzweifeln: als ich angefangen habe meine eigenen Erfahrungen sexualisierter Gewalt aufzuarbeiten, wurde mir mal gesagt, dass mich niemand anfassen darf – auch nicht, wenn ich nackt in einem Club stünde. Für mich war das damals ein ziemlicher Erkenntnisgewinn und der Anstoß um mich mit Feminismus zu beschäftigen. Da ich erstmal viel zu eingeschüchtert war, um an festere Strukturen anzuknüpfen bzw. es davon 2011 auch noch wenig gab in Dresden, war meine Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt und anderen feministischen Themen zunächst vor allem theoretisch und bestand neben Vorträgen, Texten und Büchern auch aus vielen Gesprächen in meinem Umfeld. Irgendwann bin ich dabei auf das Thema Definitionsmacht gestoßen und fand es erst einmal sehr gut, da ich das Gefühl hatte, dass es all den Ungerechtigkeiten und Übergriffigkeiten, die ich von den Menschen um mich herum und aus meiner eigenen Biografie kannte, etwas entgegensetzt und betroffene Menschen ernst nimmt. Dass es dafür auch noch andere Wege gibt als DefMa, entdeckte ich dann vor allem in der praktischen Arbeit.

2. Was versteht ihr unter dem Begriff Definitionsmacht?

Ronda: Allgemein meint Definitionsmacht die Macht darüber, zu definieren, was etwas ist, zum Beispiel dass dieses Ding dort ein Tisch ist. In feministischen Kontexten geht es vor allem darum, wer eigentlich die Macht hat zu definieren, ob etwas sexistisch ist, ob etwas eine Belästigung ist, ein sexueller Übergriff, sexuelle Nötigung oder eine Vergewaltigung. Die Macht etwas vermeintlich ‘objektiv’ als etwas zu definieren ist in einer patriarchalen Gesellschaft für Männer größer als für Frauen oder andere Geschlechter. Das ist erst recht ein Problem, weil größtenteils Männer Täter und Frauen Opfer von Vergewaltigungen sind. So können Männer übergriffig sein und dann auch noch behaupten oder definieren, es sei gar nichts Schlimmes passiert. Dem versuchen feministische Theorien und Praxen entgegenzuwirken, indem zum Beispiel gefordert wird, diese Definier-Macht im Falle sexualisierter Gewalt Frauen zuzugestehen. Oder aber: den jeweils Betroffenen, die ja nicht nur Frauen sind. Diese Stoßrichtung finde ich wichtig und mit der würde ich auch “arbeiten”, wenn ich überhaupt irgendwie dazu “arbeiten” würde.
Nur geht es ja in den Debatten um Definitionsmacht als ‘Konzept’, und abseits von strafrechtlichen Fragen, eigentlich gar nicht darum. Fragen nach der Definition stehen vielleicht am Anfang einer Auseinandersetzung mit einem ‘Fall’ – wobei klar ist, dass Betroffene das Geschehene benennen oder definieren – aber vor allem geht es dann darum, wie mit Grenzüberschreitungen, Übergriffen und Vergewaltigungen UMGEGANGEN werden soll. Und das ist – auch wenn es sich nicht 100pro trennen lässt – aus meiner Sicht eine andere Frage, bei der Definitionsmacht dann gar nichts hilft.

Josh: Ein weiteres Problem in den Debatten um Defintionsmacht ist, dass oft nicht klar ausformuliert wird, wer genau die Definitionsmacht über welchen Kontext und mit welchen Konsequenzen haben soll. Wir haben aus verschiedenen Texten eine Kurzdefinition abgeleitet, die uns als Arbeitsgrundlage in der Auseinandersetzung dient: “Definitionsmacht heißt, dass die Tat-Definition der Betroffenen allgemein anerkannt wird. Dies soll erreicht werden durch parteiliche Verbündete, die diese Definition vertreten. Das schließt nicht unbedingt die Macht ein, über alle/die/alleinigen Konsequenzen zu bestimmen.”
Das ist erstmal sehr knapp gehalten, aber da stecken viele Implikationen drin. Und nach unseren Erfahrungen wird in der Praxis auch oft ein Fokus darauf gelegt, dass die Betroffenen über Konsequenzen für gewaltausübende Personen entscheiden können sollen, was theoretisch erstmal nichts mit reiner “Definitionsmacht” zu tun hat.

Sue: Ein zentraler Grund für mich, warum ich mich von Definitionsmacht abgrenzen wollte, war eine Haltung, die in vielen Texten aus den frühen Definitionsmachtsdebatten zu finden ist: Diese Haltung hat zum Ziel, Leute die Übergriffe begangen haben, als “Vergewaltiger”, respektive “Täter” auf Lebenszeit als solche festzuschreiben, aus allen Zusammenhängen auszuschließen und das für alle, die das nicht tun, also “Täterschützer”, ebenso zu fordern. Das war für mich ein Muster, das sich in den verschiedenen Auseinandersetzungen immer wiederholt hat und das eben gar keine Chance zulässt, dass Menschen sich verändern und auf irgendeine Art und Weise rehabilitieren können. Deshalb waren Wegzug oder Abtauchen ins Private die einzigen Auswege für Menschen, die Gewalt ausgeübt haben, und es wurde ihnen nicht die Möglichkeit gegeben, aus ihren Fehlern zu lernen. Das klang für mich als gesamtgesellschaftliche Perspektive irgendwie noch schlimmer als Knäste.

3. Was habt ihr im Laufe der Zeit für Erfahrungen mit dem Konzept gemacht? Wie sah eure Praxis diesbezüglich aus? Worin lagen vielleicht auch Schwierigkeiten?

Ronda: Im Grunde waren wir nie eine längerfristige Unterstützungsgruppe. Eigentlich haben wir uns vor allem Gedanken um von e*vibes organisierte Veranstaltungen gemacht, wie Wochenendveranstaltungen, Parties oder ein Camp und darum, wie wir da mit Sexismus oder auch sexualisierter Gewalt umgehen wollen. Das heißt, unsere “Arbeit damit” war eher punktuell. Aber auch dabei gab es natürlich schon praktische Schwierigkeiten oder Unklarheiten, aus denen immer neue Fragen resultierten. Dabei war uns am Anfang ‘alles klar’ und im Laufe der Zeit wurde alles scheinbar unklarer, eigentlich aber differenzierter und konkreter – und rückte immer weiter von Vorannahmen ab. Selten war es so, dass es einfach eine betroffene Person – noch dazu Frau – gab, der ein “Täter” – noch dazu Mann – ungefragt an den Hintern gefasst hat. Diese Fälle gibt es, und da ist die Lage recht klar, feministische Parteilichkeit für die Frau, evtl. Rausschmiss des Mannes, fertig. Oft aber ist die Sache, wer Gewalt ausgeübt hat und wer davon betroffen ist, nicht so klar. Oft gibt es kein klares Gut und Böse, oder: herrschend und beherrscht, ständig gibt es Beziehungen, irgendwelche Verflechtungen, Vorgeschichten, noch dazu überschneiden sich verschiedene Herrschaftsebenen und Diskriminierungsformen … was macht man damit in einer konkreten Situation, in der gehandelt werden muss? Nicht nur als “Awareness”- oder Ansprechmenschen mit Anstecker, sondern einfach als Mitmenschen? Da stellen sich automatisch Fragen nach Verantwortungsübernahme, nach Gerechtigkeit usw. – und da geht es dann viel um Macht und nur ein kleines bisschen um Definitionen.

Josh: Schwierigkeiten in der Praxis haben wir vor allem dort gemacht, wo wir in Unterstützungsstrukturen mit Uneindeutigkeiten zu tun hatten oder damit, dass sich verschiedene Beteiligte zu verschiedenen Zeitpunkten problematisch verhalten hatten. Wer hat dann die Definitionsmacht? Die Person, die sich zuerst bei der Unterstützungsgruppe meldet? Und aus unserer Erfahrung ist es eher die Ausnahme als die Regel, dass nur eine Partei in irgendeiner Form Gewalt ausgeübt hat. Insbesondere, da es regelmäßig dort zu Konflikten kommt, wo (ehemalige) Liebes- oder sonstige Beziehungen eine Rolle spielen. So zeigte sich zum Beispiel auf dem von uns organisierten e*camp, dass es nicht funktioniert, wenn die Situation nicht eindeutig nur eine:n “Täter:in” und ein “Opfer” hat. Das mag vielleicht noch einfacher gewesen sein, als in den 90er-Jahren noch klar war, dass es ausschließlich um die Defintionsmacht über Vergewaltigungen oder sexualisierte Gewalt geht, aber spätestens bei einer Ausweitung des Konzeptes auf Sprache oder andere Verletzungen und Diskriminierungen ist der Definitionsmachtansatz einfach zu eindimensional.

Sue: Wobei Vergewaltigung für mich schon eine feste Definition haben sollte und nicht alleine von der betroffenen Person definiert wird, ob es eine Vergewaltigung war.

Alex: Da frage ich mich allerdings, welche das dann sein kann. Sollen wir an der Stelle dann doch mit dem Justizsystem arbeiten? Gesetze zu dem Thema sind größtenteils von weißen cis-Männern gemacht, darin wird sexualisierte Gewalt teilweise verharmlost und sie beruhen auf Vorstellungen von Schuld und Strafe, für mich ist das nicht unbedingt die Alternative. Und das ist auch ein Teil meiner Kritik an Definitionsmacht – dass einem ungerechten Rechtssystem mit ähnlichen Mechanismen geantwortet wird: In der Praxis hat Definitionsmacht häufig Ausschluss als Konsequenz und nicht Verantwortungsübernahme oder Reflexion.

Emily: Als Veranstalterin und DJ* habe ich bereits einige autoritäre Auslegungen von “Awareness-Konzepten” erlebt. Wohlgemerkt spreche ich im Folgenden nur von Party- und Konzertkontexten, also befristeten Räumen, in denen Menschen in einer mehr oder weniger zufälligen Konstellation aufeinander treffen, um Spaß zu haben. Wie oben gesagt, bin ich sehr dafür, dass es bei goßen Menschenansammlungen Menschen gibt, die sensibel reagieren können und auch handlungsfähig sind im Konfliktfall. Aber ein folgendes Beispiel zeigt eben auch, welch Irrwege eingeschlagen werden können: Ich war bei einem ausverkauften Konzert (600 Leute) in einer ostdeutschen Großstadt. Dort gab es ein Awarenessteam, welches ausdrücklich Defninitionsmacht inklusive Sanktionsmacht praktizierte. Zwei angereiste Personen empfanden es als Übergriff, dass ein groß gewachsener Mensch sich vor sie in der Reihe platziert hatte und dann nach Aufforderung nicht wieder gehen wollte. Sie gingen zum Awarenessteam und forderten seinen Auschluss vom Konzert, was dann durch die Security durchgesetzt wurde. Im späteren Gespräch mit einer Freundin, die in dem Club arbeitete, erfuhr ich, dass die beiden betroffenen Personen noch so etwas gesagt haben wie: “Na mal sehen, wie streng sie es hier halten mit der Definitionsmacht”. Ich hoffe natürlich – und gehe auch davon aus, dass so etwas nur ein Einzelfall ist, aber es zeigt das missbräuchliche Potential der durch diese extreme Auslegung des Konzepts verliehenen Macht sehr deutlich.

Da ich eher DIY-Communityorientierte Veranstaltungen und kaum Mainstreampartys und -konzerte organisiere, habe ich sehr gute Erfahrungen damit gemacht, die Gäst:innen dazu anzuhalten, selber Verantwortung für das soziale Miteinander auf der Party zu übernehmen. Mit der Zeit ist mir der Community Aspekt immer wichtiger geworden. Ich finde nicht, dass so etwas Essentielles, wie “die Verantwortung für den Umgang miteinander” in Form von dienstleistungsförmiger Carearbeit ausgelagert werden sollte. Nur weil Menschen Eintritt bezahlen, geben sie nicht ihre soziale Verantwortung an der Garderobe ab. Bis das alle verstanden haben, muss es natürlich verantwortliche Menschen (z.B. in Form von Awareness-Teams) geben. Also Menschen, die die Party im Blick haben, auch zum Beispiel gucken, dass der Moshpit nicht zu aggressiv ist usw., damit Verletzungen vorgebeugt wird. Was dabei die Grenze ist, ist jedes mal neu auszuhandeln. Außerdem ist es gut, wenn Leute sich mit dem Themenkomplex Safer Use 2 beschäftigen – Informationen, aber auch naheliegende Dinge wie Obst, Wasser, Kondome und Lecktücher verteilen. Auch haben wir gute Erfahrungen mit einem Ruheraum gemacht, in dem Zeitungen, Obst und Kekse rumliegen. Außerdem finde ich es persönlich sehr gut, wenn es Menschen gibt, die innerhalb des Kollektivs auf die Arbeitsbelastung einzelner Personen während der Party, aber auch generell achten. Wenn Leute Scheiße bauen, dann fliegen sie. Wann der Punkt erreicht ist, wird in jeder Situation neu beurteilt. Es gibt natürlich Situationen, bei denen es keine Diskussion über einen Rauswurf gibt, bei den anderen ist es wichtig, erst einmal einen Handlungsspielraum aufzuzeigen. Wenn jemand fliegt, dann sollte er:sie sich im Nachhinein noch an jemanden von den Veranstaltenden wenden können, um gegebenenfalls einen Lernprozess anzuregen.

Alex: Für mich hat sich in der praktischen Bearbeitung von Vorfällen sexualisierter Gewalt oft die Frage gestellt, wie Empowerment und Stärkung der Perspektiven von betroffenen Personen gelingen können ohne auf Definitionsmacht zurückzugreifen. Denn wenn wir ihre Wahrnehmungen wieder hinterfragen, birgt das die Gefahr erneut Ohnmacht zu erleben und damit auch für Retraumatisierungen. Es ist ein sehr schmaler Grat dem entgegen zu wirken, indem auf der einen Seite Wahrnehmungen bestärkt und die Wünsche der betroffenen Person in den Vordergrund gestellt werden, auf der anderen Seite jedoch geschaut wird, welche Wünsche umsetzbar und auch politisch sinnvoll erscheinen, um dem Bedürfnis nach Gerechtigkeit nicht nur mit Ausschluss zu begegnen oder einem Gefühl von Rache durch soziale Ächtung nachzugehen. Dabei können Konzepte wie Community Accountability oder Transformative Justice 3 mögliche Auswege sein.

Community Accountability ist ein Konzept aus den USA, welches von Women of Color entwickelt wurde, da sie sich aufgrund von Mehrfachdiskriminierungserfahrung 4 nicht auf Polizei und Staat verlassen konnten und deswegen alternative Lösungsansätze im Umgang mit häuslicher und sexualisierter Gewalt entwickelten. Dabei geht es um die Verantwortlichkeit innerhalb einer „Gemeinschaft“. Nicht die eine Person ist “schuld” an Verhalten, sondern es werden auch Fragen gestellt wie: Was hat dazu geführt, dass sie:er so handelte? Wie waren die Rahmenbedingungen, dass sie:er überhaupt so handeln konnte beziehungsweise es attraktiv fand, so zu handeln?

In der Arbeit mit den Konzepten geht es außerdem zentral um eine Trennung von Personen von ihrem Verhalten und den Glauben daran, dass dieses veränderbar sei und anstatt eines Ausschlusses die Möglichkeit der Reflexion einzuräumen – die Frage ist nur, was passiert, wenn das nicht geschieht? Wir wollen zwar zu einem gerechteren System abseits von Strafe kommen, aber ganz ohne Konsequenzen funktioniert es halt leider auch oft nicht, wenn gewaltausübende Person sich häufig der Reflexion und Verantwortungsübernahme entziehen. Welche Mechanismen und Möglichkeiten wir dann haben, ist eine Frage für viele Gruppen, die mit den Konzepten arbeiten. Definitionsmacht sehe ich aber nicht als Option, vielmehr ist verstärkte Umfeldarbeit und eine grundlegende Sensibilisierung der Community dringend nötig.

4. Seitdem Definitionsmacht als Konzept in der feministischen Szene diskutiert und angewendet wird, gibt es auch Kritik und Ablehnung gegen das Konzept. Wie war damit euer Umgang?

Sue: Ich persönlich habe oft Kritik erlebt, mit der die Wahrnehmungen der betroffenen Person in Frage gestellt werden sollten, was für mich antifeministisch ist. Dennoch finde ich den Punkt wichtig, dass Menschen verschiedene Grenzen und Wahrnehmungen davon haben und diese zusammen gebracht werden sollten.

Josh: Als wir angefangen haben, uns als Gruppe ernsthaft mit Definitionsmacht zu beschäftigen, vertraten wir alle auch mehr oder weniger die Position, dass Kritik und Ablehnung primär antifeministisch motiviert sei – und das ist sie ja auch oft. Aber je tiefer wir in die Debatte eingestiegen sind, desto klarer wurde uns, dass einige Kritiken an diesem Ansatz nicht einfach übergangen werden können und dass feministische Praxis sich weiterentwickeln muss. Für uns war dann zunächst eine Herausforderung, wie wir Definitionsmacht kritisieren und eine Debatte über Alternativen anstoßen können, ohne in eine antifeministische Ecke gestellt zu werden und damit eine legitime Sprechposition zu verlieren.

Emily: Wichtig war uns auch, die Definitionsmacht nicht völlig zu diskreditieren, da sie in dem Kontext wo sie herkommt – also Strafrechtskritik, Frauenschutzhäuser etc. – auch relevant und wichtig war und ist. Um hier mal eine steile These zu bringen: Ohne Definitionsmacht und den Streit darum wäre die “Nein heißt Nein”-Klausel vielleicht nicht ins StGB aufgenommen worden. “Nein heißt nein! Wer ein Nein nicht respektiert, ist ein Vergewaltiger“ stand ja schon vor 15 Jahren in zahllosen linksradikalen Räumen auf Plakaten an der Wand und wurde im Kontext von Definitionsmacht diskutiert – lange bevor daraus die Kampagne zur Änderung des Sexualstrafrechts wurde und noch länger, bevor diese Aussage tatsächlich in deutsches Recht gegossen wurde.

Alex: Und bei all den Debatten darum, sollte nicht vergessen werden, dass es vor allem um Prävention, und wenn Scheiße doch passiert, dann um gelungene Umgänge mit sexualisierter Gewalt geht und dabei immer eine Betroffenenzentrierung im Fokus stehen und in der praktischen Arbeit nicht aus dem Blick verloren werden sollte, was leider häufig der Fall ist – ob nun mit oder ohne Definitionsmacht gearbeitet wird.

5. Ihr habt 2014 öffentlich gemacht, dass ihr das Konzept nicht
mehr anwendet. Was waren eure Gründe dafür? Und welche Strategien
verfolgt ihr stattdessen?

Emily: Wir müssen hier auch nochmal ganz klar sagen, dass wir nie eine dauerhafte Unterstützungsgruppe waren.

Alex: Wobei auch Menschen aus der Praxis kommen und in Community Accountabilty-Prozessen aktiv waren.

Emily: Okay, aber der Großteil der Gruppe ist mittlerweile schon seit vielen Jahren vor allem theoretisch in diesem Feld tätig, indem wir einen Wochenendworkshop zum Umgang mit Diskriminierung und Gewalt anbieten, der Gruppen das Know How geben soll, eigene Konzepte zu entwickeln. Das tun wir vor allem deshalb, weil wir früher ständig angefragt wurden, ob wir für irgendwelche Veranstaltungen das “Awareness-Team” sein könnten. Die dahinterstehende Haltung, diesen Bereich als Dienstleistung externalisieren zu können, betrachten wir als falsch. Deshalb wollen wir Gruppen empowern, sich dazu eigene Gedanken zu machen – das ist auch eine Strategie.

Sue: Wichtig ist uns vor allem Alternativen aufzuzeigen und praktisch auszuprobieren. Dabei orientieren wir uns stark an den Ansätzen, die Alex schon kurz vorgestellt hat. Grundsätzlich sind wir uns einig, dass wir standardisierte Sanktionen oder Handlungsoptionen nicht für sinnvoll halten. Aus Definition A soll also nicht automatisch Handlung B folgen, sondern es geht darum Wahrnehmungen und Verletzungen anzuerkennen, Wünsche und Bedürfnisse zu klären und Betroffenen (Handlungs-)Sicherheit zurückzugeben. Darum ist für uns die genaue Benennung eines Begriffs nicht für den Umgang mit einer Situation entscheidend. In unserem Handeln stellen wir das persönliche Empfinden eines betroffenen Menschen bezüglich einer Situationen nicht in Frage und sind parteilich mit denjenigen, die von Diskriminierung betroffen sind – wobei eine Wahrnehmung etwas anderes ist als eine Definition.

Alex: Außerdem finden wir es schwierig, dass mit dem Begriff des “Täters” eine ganze Person dauerhaft als grenzüberschreitend gelabelt wird und es nicht mehr um ihr Verhalten in einer konkreten Situation geht – konkretes Verhalten, was reflektiert und dadurch auch verändert werden kann. Die eigene Auseinandersetzung mit ausgeübter Gewalt, zum Beispiel im Rahmen von Transformativer Gerechtigkeit kann einer sexistischen Gesellschaft entgegenwirken und ist somit auch Teil einer möglichen Utopie.

Ronda: Ansonsten, andere Strategien? Selbstverteidigung lernen, Sprechen über Sex, Nachfragen und Nein-sagen üben, auch und gerade in Beziehungen üben, mehr über die eigenen (sexuellen) Wünsche und Grenzen rausfinden, allgemein das Selbstbewusstsein von FLINT Personen stärken… etc. Ein Teil von Community Accountability ist politische Arbeit, die Veränderung der Umstände. Eigentlich ist Feminismus insgesamt eine Strategie gegen sexualisierte Gewalt, überhaupt gesellschaftliche Kämpfe gegen Herrschaft, Unterdrückung und Ausbeutung. Vergewaltigt wird zwar von Einzelnen, aber wird von der Art, wie unser Zusammenleben strukturiert ist, re/produziert.
Wir müssen bei dem Ganzen Awareness-Zeug immer unsere eigenen Beschränkungen sehen. Zugespitzt: An die fiesesten und häufigsten Tat-Orte sexualisierter Gewalt wie Familien und Beziehungen kommen wir mit Awarenessgruppen auf Parties nie ran. Wir haben es mit gesellschaftlichen Verhältnissen zu tun, die wir am Ende nicht mit unbezahlten Dienstleistungen in linken Szenen überwinden.

Sue: …aber wohl auch nicht nur mit bezahlten.

6. Feministische und antifaschistische Zusammenhänge unterliegen einem ständigen Wandel, Generationswechseln und Themenverschiebungen. Sexualisierte Gewalt – auch innerhalb der Szene(n) – bleibt leider aktuell. Wie bewertet ihr den Stand der Dinge?

Josh: Konkret auf das Thema Definitionsmacht bezogen, war unser Eindruck in den letzten Jahren, dass es keinen (hohen) Stellenwert mehr hat. Innerhalb der Workshops gab es keinen Bedarf an langen Diskussionen über Definitionsmacht.
Mittlerweile gibt es junge Feminist:innen, die nichts mehr mit dem Begriff anfangen können. Die Diskussion darum ist älter, als deren feministischer Aktivismus. Die Gruppen fordern eher ein, sich damit zu beschäftigen, wie eine auf Unterstützung und Verhaltensänderung ausgerichtete Praxis aussehen könnte.

Alex: Generell ist meine Wahrnehmung, dass es mehr Gruppen gibt, die sich mit der Problematik von sexualisierter Gewalt – auch innerhalb linker Strukturen – beschäftigen. Es gründen sich mehr und mehr Community Accountability-Gruppen, die auch anfangen sich regionenübergreifend zu vernetzen. Spätestens seit den Vorfällen im Conne Island, bei Monis Rache, der Fusion und in der Linken Szene in Erfurt, ist das Thema wieder viel präsenter geworden. Ich hoffe, dass spätestens dadurch klar wird, dass sexualisierte Gewalt ein struktulleres Problem ist, was alle angeht – auch die sich als noch so emanzipatorisch begreifenden Kreise.

Sue: Da hast du vollkommen Recht. Parties haben meist eine “Awarenessgruppe”, die aber oft extern ‘eingekauft’ ist und keine thematische Beschäftigung der Partyorgacrew, der Clubinhaber:innen oder der Besucher:innen voraussetzt. Gleichzeitig gibt es natürlich weiterhin Verharmlosungen und Leugnung von sexualisierter Gewalt. Durch die schon erwähnte Auslagerung an externe Gruppen entsteht jedoch das Gefühl ja schon etwas getan zu haben und das Thema abhaken zu können, da sich ja schon Menschen damit beschäftigen. Dadurch sind die konkreten Auseinandersetzungen meist sehr begrenzt und das Bewusstsein, dass das Thema kein individuelles Problem ist, sondern gemeinschaftlicher Beschäftigung bedarf, wächst allgemein nur langsam.

Emily: Ich sehe den aktuellen Stand der Debatte so, dass es in Dresden zwar Awareness Arbeit gibt und auch Unterstützungsstrukturen. Allerdings setzen die nicht auf das Konzept der Definitionsmacht. Ich kenne derzeit nur transformative Prozesse, die zwar nicht immer rosig laufen, aber auf jeden Fall nicht auf Ausschlüsse aus der Szene setzen, sondern zum Beispiel eher Absprachen zu Räumen in den Vordergrund rücken. Eine Akzeptanz der Wahrnehmung der betroffenen Person steht stets im Fokus.

Ronda: Ja schon, aber wie auch oben von Sue bereits gesagt, finde ich die Frage der Bennenung, oder auch Definition, trotzdem wichtig – auch in größeren gesellschaftlichen Debatten. Man könnte sagen, dass es bei #metoo auch um Definitionsmacht geht, die sich angeeignet wird. Die unter #metoo benannten Vorfälle sind welche, die in unserem schönen Patriarchat häufig einfach als gesellschaftliche Normalität und damit als unproblematisch angesehen werden. Durch die Vielzahl der Fälle und die Reaktionen darauf haben sich Leute, mehrheitlich Frauen, etwas mehr Definitionsmacht darüber erkämpft, was ein sexistischer Übergriff oder was eine Vergewaltigung ist. Das ging aber nur dadurch, dass klar wurde: es geht nicht nur um einen Einzelfall. Das (An-)Erkennen von struktureller Gewalt wurde Teil der gesellschaftlichen Verhandlung.

Auch in einem “Einzelfall” ist eine solche Benennung oder Einordnung oft wichtig. Es geht u.a. darum, ob ich sozusagen das Recht habe, mich schlecht zu fühlen, weil mir etwas Schlimmes angetan wurde, das nicht nur von meinen Freund:innen, sondern auch allgemein als schlimm angesehen wird. Unsere Aussagen weiter oben sollen bitte nicht interpretiert werden als “Ach Definitionen, was ist das schon”. Auch geht es weiterhin um patriarchale Herrschaft und nicht nur schwammig um “Achtsamkeit” im “Umgang miteinander” oder so, den mensch in jeder singulären Situation neu bewerten muss, als ginge es nur um Individuen und ihr ganz persönliches Verhalten. Das wäre ein am Ende feministischen Bewegungen – und allen, die Vergewaltigungen erleben – schadender Relativismus.

Sue: Was bei all diesen Debatten meiner Meinung nach das Wichtigste ist, ob nun mit oder ohne Definitionsmacht gearbeitet wird, ist es parteilich mit von Gewalt Betroffenen zu sein und ihre Erfahrungen nicht zu relativieren, sondern die strukturell sexistische Ebene dahinter zu sehen, gegen die wir mit feministischer Politik weiter ankämpfen müssen.

1. Die Plakate von damals sind nicht mehr online, aber hier findet ihr die Gruppe und ähnliche Poster,

2. Methoden, um Gefahren beim Konsum von Drogen zu verringern

3. Zum Weiterlesen zu den Konzepten: Das Risiko Wagen – Zine und Transformative Hilfe

4. Rassismus, Polizeigewalt, Verurteilungen, Sexismus

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