Redebeitrag zur „Libertären 1. Mai -Demonstration“ 2015

Wir freuen uns, dass wir die 1. Mai-Demo der FAU in Dresden dieses Jahr mit einem zweiteiligen Redebeitrag unterstützen können. Wir thematisieren darin zum einen feministische Kapitalismuskritik, die immer noch zu häufig ausgeblendet wird, und gehen zum anderen auf anti-emanzipatorische Bestrebungen wie den „Schweigemarsch“ der CDL in Annaberg-Buchholz ein.

Für alle, die nicht an der Demo teilgenommen haben (oder den Redebeitrag nochmal nachhören/-lesen wollen) gibt es hiermit die Möglichkeit, eine Aufnahme davon anzuhören und ihn sich durchzulesen.

Redebeitrag zur 1. Mai-Demonstration 2015 by evibes on Mixcloud

P.S.:
Schon 2014 gab es eine fruchtbare Zusammenarbeit einzelner Menschen von e*vibes bei einer Aktion am 2. Mai, dem Tag der Arbeitslosen.


Feminismus zum 1. und für alle Tage
Ein Redebeitrag von e*vibes – für eine emanzipatorische praxis

Part I: ‚feministischer Antikapitalismus…‘

Eine grundlegende antikapitalistische Kritik bestehender Verhältnisse kann auf die Analyse der Geschlechterverhältnisse nicht verzichten. Um falsche Schlüsse zu vermeiden, dürfen sexistische Diskriminierungen nicht ausgeblendet werden. Die mit diesen einhergehende Hierarchisierung der Geschlechter ist ein fundamentaler Bestandteil der bürgerlichen Gesellschaft. Dazu gehört auch das Festhalten an der Zweigeschlechtlichkeit und dem Ideal der heterosexuellen Kleinfamilie. Das ist heute ebenso der Fall wie zu Beginn der Industrialisierung.

Im Fordismus bis Mitte des 20. Jahrhunderts wurde der Frau* fast ausschließlich die Sphäre der Reproduktion, also beispielsweise die Versorgung von Kindern und die Haushaltspflege, zugeteilt. Der Mann* sollte als Alleinversorger Produktionsarbeit leisten und mit seinem Lohn die Familie ernähren.
Von solch einer eindeutigen Aufteilung der Geschlechter in zwei strikt voneinander getrennte Arbeitsbereiche kann heutzutage nicht mehr die Rede sein. Frauen* nehmen heute in großem Umfang am Bereich der produktiven Arbeit teil.
Damit werden sie nun wieder zunehmend direkt am kapitalistischen Wertschöpfungsprozess beteiligt. Das früher verbreitete Ideal der fürsorglichen Hausfrau war ganz darauf ausgerichtet, die Verantwortlichkeit für das Großziehen der Kinder und die Versorgung des männlichen Arbeiters zu begründen. Zu dieser Reproduktionsarbeit unter dem Dreiklang „Kinder, Küche, Kirche“ kommt heute unter dem Schlagwort von „Kind und Karriere“ noch die direkte Ausbeutung in der Wirtschaft hinzu.

Die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte ermöglichten vielen Frauen* allerdings auch eine stärkere und vielfältigere gesellschaftliche Teilhabe. Diese Veränderungen müssen jedoch auch in Bezug auf den neoliberalen Umbau den Gesellschaft gesehen werden. Denn mit diesem entstanden neue Verwertungszwänge, die mit modernisierten Normierungsmechanismen verknüpft sind.
Zu frühkapitalistischen Zeiten wurde die Steigerung der Profitrate vor allem durch maximale körperliche Belastung der Arbeiter_innen erreicht. Die fordistische Massenindustrie setzte dagegen auf die Vereinheitlichung, Standardisierung und bis ins Extrem gesteigerte Aufspaltung von Arbeitsprozessen an den Fließbändern. In neoliberalen Zeiten gewinnen neue Optimierungsweisen an Bedeutung und lösen teilweise die klassischen Ausbeutungsmechanismen ab.

Die Auflösung der Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit und die ständige Erreichbarkeit sind solche neuen Formen kapitalistischer Zurichtung. Sie bauen weniger auf unmittelbaren Zwang auf, sondern eher auf die jahrelang eingetrichterte Pflicht zur Selbstoptimierung für “den Arbeitsmarkt”. Statt nur den Druck auf die Löhne und die technische Entwicklung als Mittel gegen die sinkende Profitrate zu nutzen, gewinnt die sogenannte “Personalentwicklung” an Wichtigkeit. Praktika, Probezeit, Assessment-Center dienen dem passgenauen Zuschnitt der „Human Resources“ auf die immer weiter ausdifferenzierten Tätigkeiten in der komplexen Wirtschaft der globalisierten Welt. Dieser Selbstoptimierungspflicht sind in neoliberalen Zeiten alle Geschlechter unterworfen. Wir sind so frei und selbstbestimmt… aber wer sich nicht um die eigene Employability kümmert, fliegt eben raus.

Allerdings ist es für optimale Verwertungsbedingungen des Kapitals weiterhin notwendig, die menschliche Arbeitskraft als Ware möglichst günstig zu reproduzieren. Entscheidend ist dabei, dass die entstehenden Kosten die Profitrate nicht allzu sehr belasten. Der größte Teil der Reproduktionsarbeit, ob bezahlt oder unbezahlt, wird immer noch von Frauen* geleistet.
Am billigsten ist es nämlich, wenn Frauen* Care-Tätigkeiten zusätzlich zur eigenen Erwerbstätigkeit realisieren – und das ohne dafür entlohnt zu werden. Für sie bedeutet dies eine Doppel- oder Dreifachbelastung im Vergleich zu Männern*.
In der Reproduktionssphäre zeigen sich die Verschränkungen zwischen verschiedenen Diskriminierungsformen wie Klassismus, Rassismus und Sexismus besonders deutlich. Beispielsweise wenn schlecht bezahlte Care-Arbeit immer mehr von Migrant_innen geleistet wird – Stichwort Globale Betreuungskette

Unterdrückung, aber auch Privilegien, werden anhand sexistischer oder rassistischer Kategorien legitimiert. Ausgrenzende Identifikationen mit fiktiven Kategorien wie Nation, Geschlecht, Kultur oder Rasse dienen dazu, die jeweils individuelle Situation ein kleines bisschen verbessern zu wollen – all dies allerdings auf dem Rücken derer, die sich noch weniger wehren können. Eine grundlegende Änderung der Verhältnisse kann sich hieraus nicht entwickeln. Doch wir wollen für alle Menschen ein Leben ohne Unterdrückung und Ausbeutung!
Deswegen ist für uns klar: Wir müssen emanzipatorische Kämpfe zusammen denken und gemeinsam führen. Im Antikapitalismus, der nicht verkürzt sein will, darf eine feministische Kritik bestehender Verhältnisse nicht fehlen! Nieder mit dem Patriarchat und der kapitalistischen Kackscheisze!

Part II ‚…gegen den Schweigemarsch in Annaberg-Buchholz‘

Das bürgerliche Ideal der Kleinfamilie entstand mit dem Aufkommen des Kapitalismus. Diese sog.„Keimzelle der Gesellschaft“ unterliegt einem stetigen Wandel. Im Zuge der zweiten Frauenbewegung ist einerseits eine stärkere Partizipation von Frauen* im Bereich der Erwerbsarbeit erreicht worden. Auch die Akzeptanz von sogenannten “Regenbogenfamilien” oder “Homopartnerschaften” wächst, während veraltete Rollenbilder und Familienvorstellungen augenscheinlich aufweichen. Andererseits führen der neoliberale Umbau der Gesellschaft und die damit verknüpften individuellen Verunsicherungen auch zu einem Bedürfnis nach Halt und Orientierung. Eine Reaktion darauf sind chauvinistische, rückschrittliche Tendenzen: ein krampfhaftes Festhalten dessen, was im Grunde schon verloren ist.

Hier kommen Religion und Ideologie ins Spiel und befeuern reaktionäre Tendenzen. Diese zeigen sich in Form von sexistischer Diskriminierung und sexualisierter Gewalt, oder in Homo- und Trans*phobie. Ein weiteres Resultat solcher Prozesse sind der Rückfall in konservative Geschlechterrollen im Privaten und das gewalttätige Festhalten an der Zweigeschlechterordnung bis hin zur Verstümmelung intergeschlechtlicher Menschen. Ganz konkret manifestiert sich der Backlash in dem Auftrieb für Abtreibungsgegner_innen. So wollen auch die CDL, die „Christdemokraten für das Leben“ am 01.06.2015 wieder einen Schweigemarsch in Annaberg-Buchholz veranstalten. Zu solchen „Märschen für das Leben“ versammeln sich Gegner_innen von Schwangerschaftsabbrüchen seit einigen Jahren. Sie tun dies zum Beispiel in Münster oder Berlin und eben auch in Annaberg-Buchholz.

Erklärtes Ziel der „Christdemokraten für das Leben“ ist es außerdem, ihren Einfluss in der CDU zu nutzen, um Schwangerschaftsabbrüche nicht nur in Deutschland, sondern weltweit zu kriminalisieren. Dabei sieht das deutsche StGB mit dem §218 einen Schwangerschaftsabbruch immer noch als Straftat an. Er wird nur dann nicht verfolgt, wenn ein Abbruch innerhalb der ersten 12 Wochen durchgeführt wird und die schwangere Person zuvor bei einer Zwangsberatung war. Diese Entmündigung kotzt uns an! Deswegen fordern wir Paragraph 218 abschaffen!!!

Die Forderungen der CDL diskriminieren alle Menschen, die schwanger werden können. Mit ihrer Demonstration knüpfen sie an eine rassistisch und nationalistisch aufgeladene Diskussion darüber an, wer in Deutschland Kinder bekommen sollte. Rassist_innen wie Sarrazin, Politiker_innen aus der AfD und auch religiöse Fundamentalist_innen sehen die weiße, christliche Kleinfamilie mit mindestens zwei Kindern als Grundlage der Nation an. Diese wollen sie bewahren und unterstützen, wohingegen andere Lebenskonzepte wie zum Beispiel homosexuelle Partnerschaften oder kinderlose Beziehungen abgewertet werden. Migrant_innen und Schwarze. Deutsche werden dabei besonders diskriminiert, da sie nicht in das reaktionäre Weltbild passen. Ihre Kinder gelten manchen gar als Bedrohung der „deutschen Identität“.

Auch die offizielle Familienpolitik des Staates ist darauf ausgelegt, den Kinderwunsch nur in bestimmten Bevölkerungsschichten zu fördern. Begünstigungen wie Elterngeld oder Elternzeitgesetze kommen der Ober- und Mittelschicht zugute. Ärmere Bevölkerungsschichten, wie Erwerbslose, Geflüchtete sowie Illegalisierte profitieren von den Leistungen jedoch nicht. Da eine Schwangerschaft auch ein Risiko für die Arbeitsstelle darstellt, bedeutet sie für Alleinerziehende häufig, am Rande der Armut zu stehen. Schwangerschaft ist gerade dann mit Ängsten um finanzielle Sicherheit verbunden. Somit ist oft nicht der individuelle Kinderwunsch für die Entscheidung ausschlaggebend, sondern die damit verbundenen sozialen oder ökonomischen Bedingungen.

Die Entscheidung über die eigene Schwangerschaft ist somit nicht frei und komplett selbstbestimmt – weswegen wir im Kapitalismus auch nicht einfach nur „mehr Selbstbestimmung“ fordern können. Denn diese Entscheidung wird beeinflusst von ökonomischem und sozialem Druck. Diese Aspekte zu vernachlässigen und die Entscheidungen für oder gegen Kinder als eine rein private Angelegenheit zu betrachten bedeutet auch, die Unterdrückungsmechanismen als ein individuelles Problem der schwangeren Person bzw. der Eltern zu sehen. Dabei handelt es sich aber um gesellschaftlich strukturelle Probleme und diese gehören als solche bekämpft!

Deswegen fordern wir euch auf: kommt mit uns am 1. Juni nach Annaberg-Buchholz. Zusammen werden wir den Schweigemarsch zum Desaster machen.
Tickets für die gemeinsame Anreise gibt es beim König Kurt. Außerdem gibt es zwei Mobiveranstaltungen: am 06. Mai im conni und am 17. Mai beim cafém. Unter schweigemarsch-stoppen.de oder auf unserer Website unter evibes.org findet ihr weitere Infos zum Protest.
Ein Schwangerschaftsabbruch ist keine Straftat, sondern Menschenrecht!

Aborto Libre! Alerta Feminista!

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